Die Cinémathèque suisse zeigt eine Retrospektive der Spielfilme von Wong Kar-Wai, einer unverzichtbaren Persönlichkeit des zeitgenössischen Kinos. Der Cineast der leidenschaftlichen Liebe und der Einsamkeit hat Hongkong zu einer der schönsten Filmkulissen gemacht. Von As Tears Go By über In the Mood for Love und 2046 bis hin zu The Grandmaster handelt es sich um Meisterwerke zwischen Pop-Modernität und Nostalgie.
Die Kunst der Fragmentierung
Der 1958 geborene Ästhet der Melancholie, Wong Kar-Wai, ist einer der seltenen zeitgenössischen Filmemacher, deren Stil so einzigartig ist, dass ihre Filme sofort erkennbar sind. Nach einer Ausbildung zum Grafiker und dem Schreiben von Drehbüchern wechselte er 1988 für As Tears Go By hinter die Kamera. Dieser erste Langfilm folgt zwar der Logik der erfolgreichen Krimis jener Zeit, distanziert sich jedoch davon und trägt bereits die Handschrift seines Autors. Dieser interessiert sich mehr für gescheiterte Liebesbeziehungen als für Action-Szenen und zeigt einen Hang zur Ästhetisierung des Bildes – ein Merkmal, das im Laufe seiner Karriere immer ausgeprägter wird. 1990 dreht Wong Kar-Wai Days of Being Wild, einen zweiten Film, der in seiner Dynamik gebremst wird, da ein letzter Teil aufgrund einer starken Meinungsverschiedenheit mit dem Produzenten – der beim Visionieren der Rushes ziemlich ratlos war – nie realisiert wurde. Diese konfliktreiche Entstehungsphase wiederholt sich in seinen Projekten, entweder wegen fehlender Finanzierung (Ashes of Time), endloser Produktionszeiten (In the Mood for Love, dessen Dreharbeiten sich über 15 Monate hinzogen) oder Neuzusammenstellungen (Fallen Angels und 2046 sind beide «Filmreste» aus anderen Filmen, nämlich Chungking Express und In the Mood for Love). Diese Komplexität spiegelt sich in Wongs kreativer Arbeit: Er liebt die Improvisation (die Schauspieler:innen haben selten ein Drehbuch), die vom Dialog zwischen Dreh und Editing gespeist wird, die sich beide gegenseitig beeinflussen.
Wong Kar-Wai arbeitet regelmässig mit Kollegen zusammen, die seinen kreativen Ansatz teilen, darunter William Chang als künstlerischer Direktor, vor allem aber auch mit Christopher Doyle hinter der Kamera. Gemeinsam schaffen sie eine fragmentierte, impulsive, fieberhafte Ästhetik, die stets von dieser tragenden Beziehung zur Zeit angetrieben wird. Aufgelöst oder beschleunigt bildet die Zeit das Gerüst seines Werks, in dem sie immer wieder direkt thematisiert wird: das Verfalldatum einer Ananasdose entspricht einer verflossenen Liebe in Chungking Express, während 2046 der Titel eines Films ist sowie die Zeit, in der er spielt, die Nummer eines Hotelzimmers und einer Begegnung, aber auch ein schicksalhaftes Jahr für Hongkong, das letzte vor seiner definitiven Übernahme durch China.
Der Raum, ein weiteres wiederkehrendes Motiv in Wong Kar-Wais Filmen, ist oft begrenzt und symbolisiert eine städtische und psychologische Klaustrophobie. Die Orte werden im übertragenen Sinn zu Ausdrucksformen der Protagonisten (die «weinende» Wohnung in Chungking Express). Wong greift die populären Genres seiner Kindheit wieder auf, vom Wuxia pian (Schwertfilm mit Ashes of Time) bis hin zum Kung-Fu-Film (The Grandmaster) und tastet sich an seine Geschichten von Irrwegen und Begegnungen durch das Prisma einer Erzählweise an, die mäandernd anmutet. Seine Filme nehmen neue Wendungen, verlassen vorgezeichnete Wege, springen in der Zeit hin und her, spielen mit Wiederholungen. Aus diesem Sog entspringt eine fragmentierte, elegische Poesie, deren Melancholie uns noch lange begleitet.
Loïc Valceschini