Die Cinémathèque suisse widmet sich einem unverzichtbaren Teil der Filmgeschichte: dem Italowestern. Eine Gelegenheit, sich die Filme von Sergio Leone und Sergio Corbucci, den Meistern dieses Genres anzuschauen. Zu entdecken sind ausserdem die Werke von Autoren, die von diesem Genre beeinflusst wurden, wie Quentin Tarantino, Sam Raimi, Takashi Miike und Johnnie To.
Ein Genre im Exil mit dekonstruiertem Mythos
Hervorgegangen aus einer unerwarteten Kreuzung zwischen den kargen Landschaften Südspaniens und der überschäumenden Fantasie des italienischen Kinos in den Studios von Cinecittà, taucht der Italowestern Mitte der 1960er-Jahre als radikale Neuinterpretation des amerikanischen Mythos der «Frontier» auf. Der moralischen Illusionen und der manichäischen Sichtweise des klassischen Hollywood-Western entledigt, verwandelt diese kinematografische Strömung die Codes des Genres respektlos, stilisiert und zutiefst politisch in ein Fresko voller ambivalenter Helden, die sich auf die Seite der Unterdrückten und Ausgegrenzten schlagen, und wo Gewalt über dem Gesetz und das Überleben über der Ehre steht. Befreit von den amerikanischen Zwängen, emanzipiert sich das Genre und untergräbt sich selbst.
Zu Beginn setzt Sergio Leone seine Vision mit Für eine Handvoll Dollar (1964), dem ersten Teil der «Dollar-Trilogie» um und lässt den neu entdeckten Clint Eastwood als wortkargen und undurchdringlichen Helden auftreten. Er realisiert damit ein Werk, das sich durch seine Intensität, Auffälligkeit, seine beispiellose Ironie, den innovativen Einsatz von Musik, bis hin zu einer epischen und meditativen Dimension (Spiel mir das Lied vom Tod, Es war einmal … die Revolution) auszeichnet.
Doch Leone ist nicht allein: Sergio Corbucci verleiht dem Genre mit Django und Leichen pflastern seinen Weg eine düstere und nihilistische Note, während Compañeros eine metaphorische und politische Dimension aufweist. Weitere prägende Persönlichkeiten sind Duccio Tessari (Ringo kommt zurück), Sergio Sollima (mit Colorado, 1966) und Enzo G. Castellari, dessen Keoma die Bewegung in den 1970er-Jahren letztmals aufleuchten lässt.
Diese Renaissance des Western fiel in Italien auch deshalb auf derart fruchtbaren Boden, weil die aufblühende lokale Filmindustrie nach Möglichkeiten suchte, populäre Filme mit internationaler Ausstrahlung zu geringen Kosten zu produzieren.
Im Laufe der Zeit wurde der Italowestern zu einer Referenz, Parodie (Die rechte und die linke Hand des Teufels), wurde abgewandelt (Mein Name ist Nobody) und war einflussreich. Dieses Programm widmet sich zahlreichen Neuerfindungen: The Wild Bunch, der Leones Innovationen integriert und gleichzeitig den rebellischen Geist des New Hollywood reflektiert; Sukiyaki Western Django, poppig und schräg; Django Unchained, eine barocke Neufassung; oder Bacurau, mit seinen politischen Untertönen. Filme wie Tears of the Black Tiger oder Exiled zeigen, wie stark dieses Genre das internationale Kino bis heute geprägt hat. Django & Django, eine Hommage an Sergio Corbucci, und Ennio, ein Porträt des Komponisten, der dem Western all’italiana seine einzigartige musikalische Identität verlieh, runden diese Retrospektive ab.
Mit diesem Programm laden wir Sie ein, ein innovatives, provokatives und visuell gewagtes Kino wiederzuentdecken, das dank Figuren wie Clint Eastwood, Franco Nero, Giuliano Gemma, Gian Maria Volonté und Lee Van Cleef Kultstatus erlangt hat. Gewiss, die Frauen sind darin oft auf Nebenrollen beschränkt oder kommen gar nicht vor. Der zeitgenössische Western bemüht sich heute, diese Darstellung zu korrigieren, indem er starke und komplexe Frauenfiguren entwirft: ein spannender Weg, der durchaus Stoff für ein zukünftiges Programm bieten könnte.
Chicca Bergonzi